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Eine leistungsfähige Infrastruktur zur Abrechnung von digitalen Services ist für multinationale Unternehmen überlebenswichtig

Die Digitalisierung hat längst alle Branchen und Industriezweige durchdrungen. Neue digitale Geschäftsmodelle kommen dabei nicht nur von Startups, sondern auch von etablierten Konzernen. Diese denken oft gleich größer, stoßen aber bei der Monetarisierung an ihre Grenzen.

Die Digitalisierung hat längst alle Branchen und Industriezweige durchdrungen. Neue digitale Geschäftsmodelle kommen dabei nicht nur von Startups, sondern auch von etablierten Konzernen. Diese denken oft gleich größer, stoßen aber bei der Monetarisierung an ihre Grenzen. Hierbei hilft die Hamburger Firma Nitrobox, die eine Plattform entwickelt hat, die es ermöglicht, innovative Produkte wie Subscription- oder nutzungsabhängige Dienste abzurechnen, ohne die Finanzabteilung zu überfordern.

Henner Heistermann, CEO von Nitrobox, erklärt im Interview, warum hierin eine Überlebensfrage von Konzernen liegen könnte.

Herr Heistermann, Sie sind Mitbegründer von Nitrobox. Was hat Sie auf die Idee gebracht, eine Order-to-Cash-Plattform zu entwickeln?

Mein Geschäftspartner und ich haben mit einem Beratungsunternehmen zum Thema E-Commerce angefangen. Da haben wir erkannt, dass viele Unternehmen Probleme mit den Finanzprozessen haben. Wir haben damals geahnt, dass solche Prozesse immer komplexer und kleinteiliger werden würden und irgendwann individuell auf den Kunden zugeschnitten sein müssten, weil jeder Konsument sein Produkt kaufen kann, wie er es gerne hätte.

Hierbei stoßen aktuelle Unternehmen also an ihre Grenzen, wenn sie digitale Services anbieten?

Genau. Die unternehmensinternen IT-Systeme sind oft nicht dazu in der Lage, weil sie gar nicht über die nötige Flexibilität verfügen, um derart individuelle Prozesse abzubilden. Schließlich sind Billing-Systeme in Konzernen oft schon 15 Jahre alt. Da gab es Dinge wie „Subscription“ und „On-demand“ noch gar nicht. Sich davon zu trennen, ist aber auch nicht so einfach, denn es hängen ja noch die herkömmlichen Finanzprozesse daran. Was wir also machen bei Nitrobox ist, diese traditionellen Systeme mit weiteren Fähigkeiten auszustatten, so dass sie nicht abgelöst werden müssen. So ist die Idee von Nitrobox entstanden.

Die Nitrobox-Lösung könnte sich also auch an große ERP-Systeme wie SAP anbinden?

So ist es. Die Frage wäre dann: Welche Daten braucht das SAP-System? Man unterscheidet in der Buchhaltung zwischen Haupt- und Nebenbuch. Das Hauptbuch wird immer in den zentralen Finanzsystemen geführt, aber bestimmte Geschäftsmodelle kann man gesondert behandeln wie eben E-Commerce oder bestimmte digitale Services – und das läuft dann über unsere Lösung. Am Schluss fließen die Ergebnisse dann wieder ins Hauptbuch ein.

Kann der Datenaustausch von tausenden Mikropayments nicht trotzdem problematisch sein?

Die Schnittstellen sind in der Regel vorhanden, aber ja traditionelle Systeme können meist nicht hunderte oder tausende Transaktionsdaten in Echtzeit verarbeiten. Dank der Nitrobox müssen sie das aber auch gar nicht, denn die Hauptlast trägt ja unsere Order-to-Cash-Plattform, die sich als Cloud-Lösung schnell skalieren lässt. Das Finanzsystem des Konzerns muss nur einmal im Monat die Bilanz der digitalen Angebote importieren.

Ein prominenter Kunde von Ihnen ist die Porsche AG aus Stuttgart. Warum braucht gerade ein Anbieter von Automobilen im Hochpreissegment Ihre Lösung?

Wir sind schon lange in der Automobilwirtschaft unterwegs und haben erkannt, dass dieser Industriezweig in Deutschland mit am stärksten von der Digitalisierung betroffen ist und damit am stärksten unter Druck steht. Porsche hat die Devise ausgegeben, dass sie zum gehobenen Mobilitätsanbieter werden wollen – und dazu gehört eine Vielzahl an digitalen Services. Porsche hat auch die Monetarisierung schnell als strategisches Thema erkannt. Hier sind wir an der Initiative „Finance Enabler“ beteiligt.

Was war die Herausforderung bei Porsche Connect?

Hinter diesem Angebot verbergen sich verschiedene Dienste wie ein Infotainment-Paket, die ein Porsche-Besitzer online buchen kann oder ein Service, der digitales Bezahlen für Parkplätze bietet. Diese „Porsche Connect“-Services werden schon in mehr als 30 Ländern angeboten. Mit unserer Technologie lief der Rollout innerhalb von drei bis vier Monaten. Unsere Nitrobox-Plattform sorgt nun dafür, dass alle User weltweit eine korrekte Rechnung in der richtigen Sprache, der entsprechenden Währung und mit den unternehmerischen und steuerlichen Vorgaben erhalten. Hier ist schon ein ziemlich hohes Maß an Flexibilität gefordert. Die tausenden Payment-Prozesse verarbeitet unsere Plattform und liefert Porsche dann ganz bequem eine Übersicht aller Bezahlvorgänge, ohne deren Finanzsystem zu belasten.

Worin liegen weitere Vorteile für Konzernkunden?

Die Prozesskosten wären mit herkömmlichen Systemen in der Regel viel zu hoch. Abrechnungskosten können bei Konzernen schon mal zwischen acht und 25 Euro pro Payment liegen. Beim Einsatz der Nitrobox-Plattform sinken die Prozesskosten bei vielen Transaktionen auf wenige Cent. Unser Preismodell ist ein Mix aus einem Sockelbetrag und einem Lizenzmodell. Das nächste Thema ist die Geschwindigkeit. Wenn ein Konzern selbst so eine Lösung kreieren will, um seine neuen digitalen Services zu monetarisieren, können schon mal mehrere Jahre ins Land gehen. In der Zeit hat sich der Prozess und das digitale Geschäftsmodell schon wieder geändert. Somit braucht es eine agile und flexible Lösung, die so etwas ermöglicht. Die Nitrobox-Plattform ist ausreichend skalierbar und lässt sich an alle Compliance-Anforderungen anpassen. Wir können unseren Service gleich europa- oder weltweit anbieten, wenn ein Unternehmen seine digitalen Geschäftsmodelle international ausrollen möchte.

Welche Entwicklungen beobachten Sie bei digitalen Geschäftsmodellen?

Wir sehen gerade, dass sich in vielen Branchen die Wertschöpfungsketten verändern. Im E-Commerce geht es stark um Internationalisierung, in der Produktion laufen Materialbestellungen automatisiert, wo also im Grunde eine Maschine bei einer anderen Maschine etwas ordert und auch eigenständig bezahlt. Hier entstehen viele kleine Transaktionen. Hinzu kommen On-Demand-Services, wo Anwender eine Nutzungsgebühr zahlen wie etwa beim Car-Sharing. Solche Modelle wären aber genauso bei Baumaschinen oder bei Werkzeug möglich.

Das heißt, die flexible Monetarisierung von derartigen Services wird bei Unternehmen eine immer stärkere Rolle spielen?

Es muss eine Kernkompetenz von Unternehmen werden, in der Lage zu sein, schnell neue Geschäftsmodelle aufzubauen, auszuprobieren und zu monetarisieren – und das eben nicht nur in einem begrenzten Aktionsradius, sondern im Zweifelsfall weltweit. Jedes große Unternehmen muss eine Monetarisierungs- und Abrechnungsinfrastruktur betreiben, die genau diese Flexibilität gewährleistet. Als großes Unternehmen muss ich dazu in der Lage sein, mit reinen Digitalfirmen konkurrieren zu können. Ich glaube, das wird eine Überlebensfrage für Konzerne.

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